Die traumhaften Zwergbarsche

Magazin

von Helmut Strutz.

Um es vorwegzunehmen:

Ja, Zwergbarsche sind kleinbleibende, oft farblich sehr ansprechende, wunderschöne Mistviecher! Allerdings sind die Fische nicht soooo schlimm, dass man von einer Haltung im Aquarium abraten muss. Zumindest sind nicht alle so schlimm, die meisten sogar ganz verträglich, aber eben unter bestimmten Voraussetzungen. Was sollte auch aus der Meeresaquaristik werden, wenn wir ausgerechnet auf Fische verzichten sollen, die bei erreichbaren Größen von weniger als zehn Zentimetern nicht besser in unsere Aquarien passen könnten? Außerdem haben die Fische keinerlei Interesse an Korallen, im Gegensatz zu vielen Herzogfischen.

Aus der Familie Pseudochromidae werden vor allem die Arten aus der Gattung Pseudochromis importiert. Bei Kuiter/Debelius (2006) werden etwa 40 Arten der Gattung Pseudochromis abgebildet. Vor der Überarbeitung der Gattung zählten ja auch noch die Arten der neuen Gattung Pictichromis dazu. Eigentlich wäre die Auswahl für uns Aquarianer also riesengroß. Leider werden aber nur wenige Arten regelmäßig importiert. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Nachzucht der Pseudochromis-Arten sicherlich nicht einfach, aber immerhin möglich ist. Engagierte Meeresaquarianer widmen sich der Nachzucht mehrerer Arten und beliefern mittlerweile einige Händler. Während P. fridmani bei den Aquarianern sehr beliebt ist, werden vor allem P. aldabraensis und P. flavivertex gemieden.

Möglicherweise liegt das an ihrem schlechten Ruf, und da muss man schon erwähnen, dass eine gemeinsame Pflege der beiden letzten Arten mit Krebstieren nicht möglich ist. Garnelen werden nach der Häutung nicht mehr zu finden sein, und Einsiedlerkrebse verlieren erst ihre Augen und werden kurz nach der Häutung ebenfalls gefressen. Das ist ein Nachteil dieser Fische, und wer Krebse pflegen will, der verzichtet lieber auf diese Arten.

Aber der Reihe nach. Ich hatte schon einige Zeit vor, mein Aquarium (600 Liter + 150 Liter im Technikbecken) mit zwei oder drei Arten Pseudochromis zu besetzen. Es sollten natürlich Nachzuchten sein, die ja mittlerweile häufig angeboten werden. Damit sind schon mal einige Ratschläge aus der Literatur widerlegt. Ziemlich einhellig wird zur Einzelhaltung geraten. Wenn das alle Halter beherzigt hätten, gäbe es heute keine Nachzuchten.

Bei einigen Autoren muss man sich fragen, ob sie diese Fische überhaupt schon mal gehalten haben. Genau das scheint ein massives Problem zu sein. In den meisten Fällen wird Anfängern in der Meeresaquaristik erst mal geraten, einige Bücher zu lesen. Fehlinformationen werden allerdings nicht nur für Zwergbarsche gegeben, sondern vor allem auch für viele Riffbarsche. Preußenfische für eine Gruppenhaltung zu empfehlen, ist zumindest fahrlässig. Frische (2004) gibt wenigstens Hinweise, dass die meisten Riffbarsche in der Geschlechtsreife paarweise leben. Ich würde mir wünschen, dass Riffbarsche nur als Paare oder als juvenile Fische zu zweit verkauft werden. Und Zwergbarsche? Mein Händler hatte nur noch ein Einzelexemplar eines traumhaft schönen Pseudochromis aldabraensis in seinen Verkaufsbecken schwimmen.

Da meine Erfahrungen mit der späteren Verpaarung von Fischen immer positiv waren, nahm ich den einzelnen erst mal mit. Drei Wochen später hatte ich die Chance, drei weitere Exemplare zu bekommen. Bedauerlicherweise war dann nur noch ein Fisch da. Vielleicht war das ja ganz gut so. Andererseits wollte ich ganz gerne eine Gruppe von vier Tieren halten. Ob das möglich wäre, weiß ich nun leider nicht. Zumindest habe ich noch ein Paar Pseudochromis flavivertex mitgenommen.

Während letztere natürlich sofort harmonierten, gab’s bei dem Aldabra-Zwergbarsch Zoff. Logischerweise musste der „Alte“ erst mal zeigen, wer Herr im Hause ist. Aber schon nach zwei Stunden waren beide von den ständigen Attacken erschöpft.

Sie schauten sich aufreizend an, und das war’s dann auch schon. Wahrscheinlich kamen sie zu der Erkenntnis, dass ein Zusammenleben viel aufregender sein könnte. Ab dem nächsten Morgen war schon Ruhe, und die Fische erkundeten gemeinsam das Aquarium mit seinen vielen und hochinteressanten Höhlen. Eines war allerdings für die P. aldabraensis als auch für mich überraschend: Das P. flavivertex-Männchen hatte ein Revier an einem Riffpfeiler im rechten Drittel des Aquariums bezogen und verteidigte es ziemlich vehement.

Pseudochromis flavivertex lebt auf den Riffdächern des Roten Meeres. Obwohl ich schon mehrmals am Roten Meer schnorchelte, habe ich die Fische noch nicht entdecken können. Der an der Riffkante lebende Pseudochromis fridmani ist dagegen nicht zu übersehen. Allerdings muss man den überhaupt erst mal erkennen. Im Schatten ist der Fisch kaum auszumachen. Wer fotografiert, der weiß, dass Schatten blau sind. Blau ist eine Komplementärfarbe zu Rot, und so wirken die P. fridmani an der Riffkante grau. Scheint aber die Sonne auf die senkrechte Kante, dann sieht man die wunderschönen Tiere in großen Populationen. Sie leben in den Löchern des Riffgesteins und haben kein großes Revier. P. fridmani ist erheblich weniger aggressiv als viele andere Zwergbarsche. Leider hatte ich nur ein Einzeltier, und das ist schon viele Jahre her – da war man noch der Meinung, dass alle Korallenfische einzeln gepflegt werden müssen.

Zum Glück sind wir heute weiter und wissen, dass fast alle Fische als Paare gepflegt werden sollten. Das gilt übrigens auch für Doktor- und Kaiserfische, und wenn das wegen der beengten Verhältnisse im Aquarium nicht möglich ist, dann muss man auf deren Haltung konsequenterweise verzichten!

Seit vier Jahren pflege ich nun wieder die P. fridmani – und natürlich als Paar – und es bestätigt sich: Das ist einer der ruhigsten und verträglichsten Zwergbarsche. Bei keiner der von mir gepflegten Arten konnte ich eine enge Paarbindung feststellen. Die Männchen besetzen ein relativ kleines Territorium, während die Weibchen in der Dekoration unterwegs und je nach Fischbesatz keineswegs scheu sind. Hektische Mitbewohner werden sowieso von den wenigsten anderen Mitinsassen sonderlich geliebt. Die Paare kommen eigentlich nur zum Laichen zusammen und gehen dann wieder getrennte Wege. Wobei sich der Mann natürlich um das Gelege kümmert, das am liebsten in Röhren abgelegt wird, die man den Pseudochromis zur Verfügung stellen sollte. Vergleichbar mit den P. fridmani sind die auch im Roten Meer vorkommenden P. sankeyi und P. springeri.

Beim Einsetzen neuer Pfleglinge muss man aber immer vorsichtig sein. Vielleicht ist es manchmal ganz nützlich, sich in einen Fisch zu versetzen. Im Aquarium kommt alles Fressbare durch die Wasseroberfläche. Wie soll ein Fisch wissen, dass da ein neuer Mitbewohner im Anmarsch ist, mit dem man sich im Interesse des Aquarianers besser arrangiert, als ihn einfach aufzufressen? Das sollte man vor allem bei Garnelen beachten, wenn die noch etwas jugendlich sind.

Die meisten tierischen Katastrophen im Aquarium sind die Folge von Missverständnissen.

Die Vertreter der Gattung Pictichromis sind nun von ganz anderem Kaliber. Obwohl die Fische im Vergleich zu ihren Verwandten kleiner bleiben, sind sie unglaublich aggressiv. Pictichromis diadema, P. paccagnellae und P. porphyrea kann man guten Gewissens niemandem empfehlen.

Fische aus Korallenriffen, die wir häufig pflegen, sind ziemlich intelligent, sonst könnten sie im zerklüfteten Riff kaum überleben. Um zu begreifen, wozu Fische und andere Tiere fähig sind, lohnt es sich, mal ältere Literatur von den Verhaltensforschern Lorenz, Wickler oder Thaler zu lesen. Die meisten dieser Autoren begeistern mit großartigem Humor in populärwissenschaftlichen Arbeiten. In wissenschaftlichen Abhandlungen ist Humor allerdings verpönt.

Jetzt muss man sich nur noch die Zeit nehmen und seine eigenen Fische beobachten. Und dann sollte man das eben auch mal aufschreiben. Übrigens befasse ich mich nicht mehr mit der Nachzucht. In den 1980er Jahren habe ich mit einem Freund Anemonenfische nachgezogen – unter äußerst schwierigen Umständen in der DDR, aber es funktionierte. Heute bin ich ein paar Jahre älter und müsste von vorn anfangen. Das ist mir jetzt zu mühsam.

Literatur: Frische, Joachim & Herbert Fink (2004): Miniatlas Meerestiere – Riffbarsche, Weichkorallen, bede-Verlag, Ruhmannsfelden Text und Bilder von Helmut Strutz

Quellenachweis: https://korallenriffmagazin.de/ausgabe-3#dflip-korallenriffMagazin/31/



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